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"Uriger Klang und weiches Echo" - Gespräch mit Alphornbauer Josef Wagner

"Uriger Klang weiches Echo" - Gespräch mit Alphornbauer Josef Wagner

am 29.05.2019 von Katharina Klawitter

Wie Alphörner ins Allgäu kamen und seit über 50 Jahren in Oberstaufen hergestellt werden - das haben wir Alphornbauern Josef Wagner aus Oberstaufen gefragt. Er ist einer der Wenigen, der Alphörner nach traditionellem Verfahren im Allgäu herstellt.

Josef Wagner ist einem alten Handwerk und seiner Liebe zum Alphorn treu geblieben.
Josef Wagner ist einem alten Handwerk und seiner Liebe zum Alphorn treu geblieben.
Ursprünglich wurde das Alphorn als Kommunikationsmittel verwendet: damit die Hirten auf den Alpen ihr Vieh zusammentreiben oder Bewohner auf benachbarten Alpen und im Tal kommunizieren konnten. Inzwischen gilt das Alphorn aber vor allem als traditionelles Musikinstrument. Genau genommen gehört es aufgrund seiner Anblastechnik allerdings zu den Blechblasinstrumenten und das, obwohl es überwiegend aus Holz gefertigt wird. Das Holzinstrument kommt zwar ohne Klappen und Ventile aus – leicht zu spielen ist es aber dennoch nicht: allein mit der Lippenspannung und Atemtechnik entlockt der Alphornbläser dem Instrument die Naturtöne über vier Oktaven. Im Allgäu spielt man vor allem das 3,60 Meter lange Horn mit dem Grundton F. Obwohl viele das Alphorn spielen können, gibt es nur sehr Wenige, die eines bauen können. Der Oberstaufner Alphornbauer Josef Wagner lädt uns in seine Werkstatt ein und erzählt von dem seltenen Handwerk. Denn neben seiner Landwirtschaft, die er auf seinem Hof im Weißachtal seit Generationen betreibt, gehört seine große Leidenschaft den imposanten Klangwundern.

Herr Wagner, wie sind Sie dazu gekommen Alphörner zu bauen?
Josef Wagner: In meiner Jugend kannten wir die Alphörner aus der nahegelegenen Schweiz. Wir hatten bis dato Gartenschläuche verwendet und das waren „unsere“ Alphörner (lacht). Im Jahr 1958 kam es, dass der Heimatbund Allgäu ein paar Alphörner angeschafft hat und diese in Marktoberdorf zum ersten Mal im Allgäu blasen ließ. Als junger Bursche dachte ich mir damals, dass man diese doch nicht in der Schweiz kaufen müsse, sondern auch selber machen kann. Und so habe ich mich an dem Bau von Alphörnern probiert.

Das war ein mutiger Schritt. Welche Fertigkeiten braucht es denn dafür?
Alphornbauer
Alphornbauer
Josef Wagner: Man sollte natürlich schon mit Holzarbeiten vertraut sein und ein gewisses Händchen dafür haben. Seit meiner Jugend ist mir der Umgang mit Holz sehr geläufig. Auf dem elterlichen Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin und den ich auch übernommen habe, wurden alle Holzarbeiten direkt am Hof gemacht. Durch meine Leidenschaft zur Musik hat mich der Instrumentenbau und letztendlich das Alphorn in seinen Bann gezogen. So kam es dann auch, dass ich bereits als junger Mann damit angefangen habe, Alphörner zu bauen und es hat nicht lange gedauert, bis sich herumgesprochen hat, dass da einer im Weißachtal ist, der die Instrumente hierzulande herstellt. Die ersten Alphörner habe ich daraufhin für befreundete Kameraden aus Steibis gefertigt.

Sie gelten als typischer „Allgäuer Mächler“ – also ein Macher.
Josef Wagner: Das kann man so schon sagen. Damals war das halt einfach so, da hatte man oft niemanden, der alles bis ins kleinste Detail erklärte oder es gab eben keine Bauanleitungen für Dieses und Jenes. Als junger Bursche habe ich in jener Zeit die Alphörner aus der Schweiz gesehen und wusste sofort, wie sie zu fertigen sind. Ich dachte mir, einfach den Stamm aufsägen, aushöhlen und zusammenleimen – so schlimm kann das doch gar nicht sein. Im Laufe der Zeit kam immer mehr Routine dazu und ich habe die Arbeitsschritte verbessert und perfektioniert.

Worauf achten Sie besonders bei der Auswahl des Holzes?
Josef Wagner: Für die Herstellung eignet sich Fichtenholz besonders gut, denn es gilt als
Alphorn-Mundstück
Alphorn-Mundstück
Klangholz und lässt Töne sehr gut schwingen. Im familieneigenen Wald haben wir viele Tannen am Nordhang, die ein geeignetes Wachstum für den Alphornbau aufweisen. Neben einem dicken Stamm ist ein astreines Splintholz, sprich das außenliegende Holz, sehr wichtig. Das Holz, das ca. drei Meter vom Boden beginnend den Stamm ausmacht, verwende ich für das Alphorn; das Restliche wird als Bauholz weiterverarbeitet. Nach dem Sägen und Zerteilen lagert das Holz noch zwischen zwei und fünf Jahren im Stadel bevor es bearbeitet wird.

Wie entsteht dann aus dem gelagerten Holz das Alphorn, so wie wir es kennen?
Josef Wagner: Aus einem dicken Holzblock säge ich anhand einer Schablone den Krümmling oder auch Becher genannt, sprich den unteren Trichter des Alphorns, der auf dem Boden steht. Die beiden Hälften werden sauber gehobelt und punktuell zusammengeleimt. Den Krümmlingblock bearbeite ich mit dem Ziehmesser solange, bis er die typisch gekrümmte Form aufweist. Anschließend teile ich den Block erneut in zwei Hälften und höhle diese mit speziellen Messern grob aus, bevor sie dann im vorletzten Schritt mit Schleifpapier ganz glattgeschliffen werden. Das ist besonders wichtig für den späteren Klang. Wenn auch dieser Schritt geschafft ist, werden die beiden Krümmling-Hälften wieder zusammengeleimt.

Der Becher ist somit geschafft, fehlen nur noch …?
Josef Wagner:
Der Alphornbauer bei der Arbeit
Der Alphornbauer bei der Arbeit
die Rohre. Um das Becherstück kommt ein kurzes Rohr, in das die erste Messingbuchse eingearbeitet wird. Durch diese Verbindungsstücke können die einzelnen Rohre später zusammengesteckt werden. Zusätzlich gibt es noch das Mittel- und Endstück – dann ist das Alphorn schon fast komplett. Die einzelnen Rohrhälften werden ausgehöhlt, glattgeschliffen, zusammengeleimt und mit der jeweiligen Messingbuchse zum Zusammenstecken versehen. Als letzter Schritt wird um die Einzelteile Peddigrohr gewickelt, das dem Holz vor schnellem Verschleiß den nötigen Schutz gibt. Mit dem Mundstück, das nur noch in die Vorrichtung gesteckt werden muss, ist das Alphorn schlussendlich komplett.

Wie viel Zeit ist vergangen, bis der erste Ton das Alphorn verlassen kann?
Josef Wagner: An einem Alphorn arbeite ich ca. 60 bis 70 Stunden. Obwohl einige Schritte mittlerweile mit Maschinen erledigt werden können, ist der Großteil der teils beschwerlichen und anstrengenden Arbeit noch komplette Handarbeit. Aber genau das reizt mich auch in meinem jetzigen Alter (mit fast 82 Jahren) noch an diesem traditionellen Handwerk. Nicht selten vergeht die Zeit in der Werkstatt so schnell, dass ich das Mittagessen verpasse und meine Frau sich schon wundert, wo ich bleibe – aber nach all den Jahren weiß sie mittlerweile, wo ich zu finden bin (lacht).

Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf als Alphornbauer?
Josef Wagner: Es ist vor allem der Klang der Alphörner – wenn ich die ersten Töne durch ein fertiges Alphorn klingen lasse. Jeder, der diesen Klang hört, weiß sofort,
Alphornspielen gehört zur Allgäuer Tradition
Alphornspielen gehört zur Allgäuer Tradition
dass dies ein Alphorn ist. Das ist es, was die große Faszination für mich an diesem Instrument ausmacht.

Ist der Alphornberuf in Oberstaufen auch für die Zukunft gesichert?
Josef Wagner: Ja, auch künftig wird es Alphörner aus dem Weißachtal geben, denn mein Sohn Martin baut mittlerweile auch Alphörner, was mich natürlich ganz besonders freut. Bereits als kleiner Bub war er viel bei mir in der Werkstatt, ist in die Sägespäne „hineingejuckt“ und hatte seinen Spaß. Im Laufe der Zeit hat er sich immer mehr von mir abgeschaut, bis ich ihm letztendlich nach und nach mehr Aufgaben übertragen habe. Mittlerweile kümmert sich Martin um die beschwerlichen Tätigkeiten, wie z.B. das Aushöhlen der Alphörner und ich gehe ihm noch hie und da zur Hand. Es ist schön zu wissen, dass Martin meine Leidenschaft teilt und den Alphornbau künftig fortführt.

Schon gewusst?
Ein Alphorn kann fünf bis zehn Kilometer weit – je nach Landschaft – gehört werden. Das längste bespielbare Alphorn ist 14 Meter lang (wurde aber nicht von Josef Wagner gebaut).

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