Staufner Butz © Tobias Baeurle
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Staufner Fasnatziestag

Staufner Fasnatziestag

am 04.03.2019 von Marian Lingg

Während in anderen Orten am Faschingsdienstag das Ende dieser Zeit gefeiert wird, zählt dieser Tag für viele Oberstaufner zu den bedeutendsten Tagen im Jahr. Der „Staufner Fasnatziestag“ ist das älteste und lebendigste Brauchtumsfest in der Marktgemeinde.

Der Staufner Fasnatziestag lebe hoch

Butzsprung am Fasnatziestag
Butzsprung am Fasnatziestag
Maskeraden und Kostüme sind hier fehl am Platz, stattdessen wird Tracht getragen. Der Festtag erinnert an das Jahr 1635, in dem im ehemaligen Markt Staufen die Pest wütete und das Leben von 700 Einwohnern jäh auslöschte. Es herrschte tiefe Trostlosigkeit und Trauer unter den Überlebenden. Graf Hugo von Königsegg-Rothenfels regierte zu dieser Zeit über Staufen, das zur Grafschaft Königsegg-Rothenfels gehörte. Um neuen Lebensmut in die Bevölkerung zu bringen, lud er die Söhne der verbliebenen Staufner Familien in sein Schloss ein und bewirtete sie. Einem übergab er eine Fahne mit dem Auftrag, diese jedes Jahr am „Fasnatziestag“ (=Faschingsdienstag) in einem Umzug durch den Ort zu tragen. Der Tag solle künftig in froher Gemeinschaft begangen werden, als Zeichen des Neuanfangs und mutigen Zusammenhaltens aller Überlebenden, der Not zum Trotz. Am 5. März 2019 jährt sich der Staufner Fasnatziestag zum 384. Mal.

Andrea Presser im Gespräch mit Jan und Jonas Fässler über den Staufner Fasnatziestag:

Jan, du und dein Sohn Jonas, ihr beide stammt aus einer alteingessenen (Ober-) Staufner Familie. Welche Tradition hat der Staufner Fasnatziestag bei euch zu Hause?

Antwort Jan:
Mein Vater bekleidete 1947 und 1948, nachdem er 1946 aus dem Krieg heimgekehrt war, das Amt des Tombourmajors. Dies war eine entbehrungsreiche Zeit und der Fasnatziestag hatte vielleicht eine noch wichtigere Bedeutung als heute. Seine Geschichten habe ich noch gut in Erinnerung. Den Fasnatziestag 1928, als mein Großvater Tobias Kögel Fähnrich war, kenne ich natürlich nur von Bildern. Auf diesen ist aber gut zu sehen, wie wichtig dieser Tag war und welche Menschenmassen damals schon diesen Festtag begleiteten. Natürlich waren auch meine Geschwister Jenny und Kai sowie der gesamte Freundeskreis aktiv am Fasnatziestag dabei, deshalb hat dieser Tag wie bei vielen anderen Staufner Familien eine wichtige Tradition, die wir gerne an unsere Kinder weitergeben.

Antwort Jonas:
Für mich ist der Fasnatziestag einer der schönsten Tage im Jahr. Schon von klein auf freuten wir Kinder uns darauf, den ganzen Tag draußen unterwegs zu sein, vom Butz gejagt zu werden und einen tollen Tag zu erleben. Vor allem aber das Geheimnisvolle hat mich immer sehr neugierig gemacht. Man durfte nämlich nie in die Lokale hinein, man wusste nicht, was wirklich hinter den Türen passiert, wann der Butz wieder heraus kommt und einen jagt und was als nächstes geschieht. Das Butzsterben am Abend war oft einer der spannensten Momente, vor allem, wenn man als kleines Kind dann noch kurze Zeit eine Fackel tragen durfte.

Als Sektionsmitglied ist der Fasnatziestag schon lange Zeit vorher mit vielen Vorbereitungen verbunden. Die Vorfreude auf diesen Tag ist aber bis heute für mich in keinster Weise gesunken. Als ich mit 16 Jahren das erste Mal aktiv am Fasnatziestag dabei war, wurde mir klar, dass auch ich eines Tages einmal das Amt des Fähnrichs übernehmen möchte.
Butz und Trommler
Butz und Trommler
Nach acht tollen Jahren in der Fahnensektion ist es nun soweit, dass ich das Amt des Fähnrichs übernehmen darf und ich freue mich darauf, diesen Tag wahrscheinlich zum letzten Mal als aktives Mitglied erleben zu dürfen.

In diesem Jahr ist es nun also soweit – du wurdest zum Fähnrich gewählt, Jonas. Wer war an dieser Wahl beteiligt und welche Bedeutung und Aufgabe hat der Fähnrich?

Antwort Jonas:
An dieser Wahl dürfen theoretisch alle ledigen Staufner Burschen mitwirken, aber natürlich ist nur ein Bruchteil dieser anwesend. Das sind meist diejenigen, die schon einmal aktiv bei der Fahnensektion dabei waren oder es immer noch sind.

Der Fähnrich hat viele Aufgaben über das ganze Jahr verteilt. Dazu gehört zum Beispiel die Mitorganisation der Kirbe (= Kirchweihtanz), des Abschlussfrancaise (= ein bestimmter Tanz), des Weihnachtsmarktes zum Klausen- und Bärbeletreiben (Allgäuer Brauch) oder des Maifestes. An oberster Stelle steht aber natürlich die Organisation des Fasnatziestags. Hierfür sind wichtige Vorkehrungen zu treffen, z. B. das Einladen aller Alt- und Vizefähnriche (ehemalige Fähnriche), Absprachen mit den teilnehmenden Lokalen zu treffen, das Kranzen (Schmuckgebinde für die Lokale), Festbändel vorbereiten und und und… Am Aschermittwoch findet dann immer die traditionelle Aschermittwochsverurteilung (ausschließlich für Männer) statt, was auch einiges an Vorbereitungsarbeit mit sich bringt.

Neben dem Fähnrich gibt es einige weitere Ehrenämter. Welche sind das?

Traditioneller Umzug durch Oberstaufen
Traditioneller Umzug durch Oberstaufen

Antwort Jonas:
Die Fahnensektion besteht aus sieben jungen Oberstaufnern, die für ein Jahr gewählt werden. Das zweitwichtigste Amt nach dem Fähnrich gehört seinem Vize. Zur Sektion gehören außerdem noch drei Fahnenbrüder, der Butz und der Tambourmajor. Dazu kommen noch die Trommler. Alle werden von ihren „Föhla“ (=Mädchen) begleitet und jeder bzw. jede hat seine/ihre eigene, über die Jahre hinweg überlieferte Aufgabe zu erfüllen.

Jan, auch du warst als lediger Bursche viele Jahre aktiv bei der Fahnensektion. Welche Ämter hast du damals besetzt und kannst du uns die Funktion des „Butz“, der einzig maskierten Figur des Tages, näher beschreiben?

Antwort Jan:
Mein „Werdegang“ in der Sektion war ähnlich wie bei Jonas: Nach drei Jahren Trommler durfte ich Tambourmajor sein, was klasse war, weil man in diesem Amt immer noch eng mit den Trommlern arbeitet und feiert. Die nächsten Jahre durfte ich dann als Butz mitmachen und im Jahr 1988 Fähnrich sein.

Die Funktionen bzw. Aufgaben des „Butz“ sind vielschichtig. Am Fasnatziestag führt er in seinem „Fleckleshäs“ (Allemannisches Narrengewand) tänzelnd den Umzug an, zudem reinigt er die Besucher von der Pest, indem er mit seinem Reisigbesen deren Füße sowie die Türstöcke der Häuser kehrt. Am Ende des Tages stirbt der Butz den symbolischen Pesttod.
Symbolisches Kehren
Symbolisches Kehren
Aber die wichtigste Aufgabe des Butz ist es, den Kindern hinterher zu springen, die ihn mit „Butzbä, juhö“-Rufen „tretzen“ und dem ein oder anderen „frechen“ Kind seinen Besen (natürlich in moderater Form) spüren zu lassen.
Ich denke, dass die Kinder den Butz einerseits fürchten, aber ihn gleichzeitig auch lieben. Um Punkt 18 Uhr dreht er am Kirchplatz noch drei letzte Runden und bricht danach tot zusammen. Dann wird er von den Trommlern auf deren Schultern weggetragen. Nach einigen Metern lassen ihn die Trommler auf den Boden zurück, worauf er auf kürzestem Weg nach Hause rennt. Selbst auf diesem kurzen Weg und obwohl die Aufgabe des Butz mit dem Tod beendet ist, lassen die Kinder nicht von „ihrem“ Butz ab und verfolgen ihn meist noch bis an seine Haustüre.

Kann denn jeder an diesem besonderen Festtag teilnehmen?

Antwort Jonas:
Ja, alle können an diesem Tag teilnehmen und wir freuen uns über jeden, der am Fasnatziestag mit uns feiert. Nur der Umzug sowie die „Ma- und Wibertour“ (Verheiratete Frauen feiern mit ledigen Burschen und ledige Föhla mit verheirateten Männern – jeweils in separaten Lokalen) ist ausschließlich den Staufnern vorbehalten.

Was ist für euch beide das Besondere am Staufner Fasnatziestag? Und welcher Moment oder Abschnitt dieses Tages berührt euch am meisten?

Der Butz stirbt
Der Butz stirbt

Antwort Jan:
Das Besondere dieses Tages ist für mich, dass er in seinem Ablauf über Generationen hinweg unverändert geblieben ist und dass die Staufner gemeinsam einen ganzen Tag begehen, an dem sie eine Erinnerung in Ehren halten und zusammen feiern.

Der Moment, der mich am meisten berührt, ist das Fahnenschwingen sowie das Gedenken an die Verstorbenen am Kirchplatz.

Antwort Jonas:

Der Moment, wenn man sich in aller Früh trifft, jeder herausgeputzt in Tracht erscheint und man sich auf das gemeinsame Frühstück und den kommenden Tag freut, gehört für mich zu den schönsten Augenblicken.
Dann realisiert man, dass der lang ersehnte Tag nun endlich da ist.

Der Umzug, das Einmarschieren am Kirchplatz, das anschließende Totengedenken und das Fahnenschwingen ist für mich persönlich der wichtigste Augenblick des ganzen Tages. Die Trommler, das Spielen der Staufner Blasmusik und das Einlaufen des kompletten Umzugs mit allen „Altcharchierten“ (=ehemalige Sektionsmitglieder) berühren mich jedes Mal aufs Neue.
Die Tatsache, dass wir Staufner solch einen einzigartigen, gemeinsamen Festtag feiern, ist für mich einer der tollsten Dinge und ich bin stolz darauf, ihn dieses Jahr als Fähnrich erleben zu dürfen.

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